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Die Qual der Wahl

Ein hobit–Erfahrungsbericht von Charlotte Ströbel

Charlotte Ströbel 13. Klasse Justus-Liebig-Schule
Charlotte Ströbel 13. Klasse Justus-Liebig-Schule

Gut geplant ist halb gewonnen

Eine Woche vor Beginn der Messe habe ich von meiner Tutoriumslehrerin das Programmheftchen erhalten. Beim Durchblättern fühlte ich mich erst einmal ein bisschen erschlagen. Nie hätte ich gedacht, dass es allein in Darmstadt und Umgebung so viele verschiedene Studiengänge gibt – von manchen habe ich noch nie gehört! Später erfahre ich, dass in Deutschland über 9000 verschiedene Studiengänge angeboten werden. Wie soll man da bloß den Überblick behalten?

Mit der Unterstützung meiner Eltern und Freunde stöberte ich durch das Programm und markierte mir pro Tag zwei bis drei Vorträge, die ich auf keinen Fall verpassen wollte. Die Pausen zwischen den Vorträgen plante ich mit dem Besuch verschiedener Stände zu verbringen. Schließlich entschied ich mich für Vorträge aus den Bereichen Lehramt, Psychologie und Journalismus – Themen, die mich schon immer interessiert haben und von denen ich endlich wissen wollte, wie man so etwas studiert, aber auch wie die Karrierechancen sind.


Was fang ich mit meinem Leben an?

Und nun ist es so weit. Die geöffneten Tore zum Wissenschafts- und Kongresszentrums können im besten Fall der Eingang zu meinem Berufsleben sein! Auf einmal bekommt die Sache etwas Ernsthaftes, etwas, was man lange vor sich hergeschoben hat und mit dem man sich nun intensiv beschäftigen muss. Ich bin jetzt 17 Jahre alt und werde im nächsten Jahr mein Abi machen. Ich werde mit guten Voraussetzungen in das „wahre“ Leben entlassen, und ich werde erstmals voll und ganz selbst darüber entscheiden, was ich damit anfange. All dies kommt in dem Moment in mir hoch und jagt mir fast ein bisschen Angst ein. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn kaum bin ich in der Eingangshalle angekommen, geht der Trubel los. Ich entdecke bekannte Gesichter, viele Klassenkameraden, die mir aufgeregt von ihren Tagesprogrammen erzählen. Ich entschließe mich spontan, mir einen Überblick über das Darmstadtium zu verschaffen und schlendere mit Freunden durch die Gänge. Wir kommen an Ständen der TU, der Hochschule Darmstadt und der Evangelischen Fachhochschule vorbei – aber auch die Unis aus Frankfurt, Heidelberg, Mainz, Mannheim und viele andere sind vertreten. In einem Raum bieten unterschiedlichste Firmen ihre Ausbildungen an. Für mich allerdings stand früh fest, dass ich einmal studieren möchte. Das hat zum einen damit zu tun, dass all meine möglichen Berufswünsche ein Studium voraussetzen, und zum anderen möchte ich seit Jahren unbedingt das Studentenleben kennenlernen, das meine Brüder momentan genießen.


Lockrufe mit Gewinnspielen und Bonbons

Ich schaue mir die Stände mit großem Interesse an und bleibe spontan hier und da stehen, obwohl ich von vorneherein weiß, dass einiges nicht das Richtige für mich ist. Doch die vielen aufgebauten Experimente und die Gespräche mit den immer freundlichen Experten lohnen sich auf jeden Fall. Mir fällt auf, dass man
überall versucht, die Aufmerksamkeit
von uns Jugendlichen zu gewinnen, sei es durch Gewinnspielaktionen, durch spektakulär aufgebaute Stände oder auch nur durch eine Schale mit Bonbons. Später ergattere ich einen Platz in zwei Vorträgen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Beim einen reicht der Raum nicht aus, die Schüler sitzen dicht gedrängt auf dem Boden – ist das ein Vorgeschmack auf überfüllte Hör­säle? Aber der Professor ist ein witziger Typ und man erfährt viel Neues über das Psychologiestudium. Der andere Referent, der das Studium der Wirtschaftswissenschaften präsentiert, hält sich eher an die Fakten und stellt uns erst mal ausführlich das Hörsaalgebäude mit Fotos vor.

Das persönliche Gespräch ist am wichtigsten

Allerdings stelle ich schon bald fest, dass mir persönlich die Gespräche an den Ständen viel besser weiter helfen als die Präsentationen, da die Experten gezielt auf meine Fragen eingehen und mich individuell beraten. So erfahre ich unter anderem, dass zukünftige Redakteure das Studienfach Journalismus gar nicht wirklich studieren müssen, sondern dass die meisten Journalisten ursprünglich ein oder mehrere andere Fächer studiert haben, um sich bei einer Zeitung zu bewerben. Es beruhigt mich, dass ein Studium noch nichts Endgültiges bedeuten muss und mir auch nach dieser Entscheidung immer noch viele Wege offenstehen.

Außerdem lerne ich viel über die Einstellungschancen bei Lehrern, etwa mit welchen Fächerkombinationen Berufseinsteiger diese, zumindest in der momentanen Situation, deutlich verbessern können. Das womöglich interessanteste Gespräch führe ich am letzten Tag der hobit mit einem Sportpsychologen, der sich Zeit nimmt und mir viel Interessantes aus seinem Beruf erzählt. Da ich einerseits selbst Leistungssport betreibe und mich andererseits schon immer für Psychologie interessiert habe, erscheint mir die Sportpsychologie als eine äußerst reizvolle Kombination. Erst jetzt merke ich, wie wenig ich eigentlich über Psychologie weiß, was vermutlich damit zusammenhängt, dass Schulen dieses Fach nie anbieten. Das Fachgebiet interessiert mich so, dass ich auf dem Heimweg in einen Buchladen gehe und mir eine „Einführung in die Psychologie“ besorge. Wochenlang lässt mich das Thema nicht los.


Eine Entscheidung braucht Zeit

Heute, ein knappes halbes Jahr bevor ich die Schule verlassen werde, habe ich mich immer noch nicht endgültig entschieden. Doch nach vielen Gesprächen auf der hobit und dem Besuch zahlreicher Informationsseiten im Internet bin ich schon viel weiter als vor zwölf Monaten. So, wie es im Moment aussieht, werde ich mich wahrscheinlich an einer Uni für Englisch, Sport und ein drittes Fach auf Lehramt einschreiben. Dennoch will ich mir bis zum Schluss die Option offenhalten, vielleicht doch noch Psychologie zu studieren, sofern ich den Numerus clausus schaffe.

Die hobit hatte bei meiner schweren Entscheidungsfindung eine zweifache Bedeutung. Zum einen habe ich viele neue Informationen erhalten und kann mir erstmals unter verschiedenen Studienfächern und Berufen etwas Konkretes vorstellen. Zum anderen hat die hobit bewirkt, dass ich mich nun endgültig und intensiv mit meiner beruflichen Zukunft beschäftige.


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Autor: Charlotte Ströbel, © Darmstädter Echo
Datum: 26.01.2009

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