Gap Year

Bleibende Erinnerungen an St. Louis

Das Austauschjahr in den USA hat Jan Elm bei der Studienwahl geholfen

Noch keinen blassen Schimmer, was nach der Schule kommt? Erst mal ein Jahr chillen, in sozialen Projekten mitarbeiten oder Erfahrungen im Ausland sammeln? Drei junge Menschen erzählen, was es ihnen gebracht hat bei der Suche nach dem passenden Studium oder Beruf. Den Auftakt macht Jan Elm (22). Er war nach dem Abi ein Jahr Zirkustrainer und - darsteller in den USA. Heute studiert er Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

 

„Ich bin in Stuttgart ausgewachsen. Nach der Schule wusste ich zunächst nicht, was ich studieren sollte, deshalb entschied ich mich für ein Austauschjahr in den USA. Nach Waldorfkindergarten und 13 Jahren Waldorfschule war es Zeit, die Welt der Fünfecke und Wasserfarben hinter mir zu lassen. Mit der Jugendaustauschorganisation IJGD, die ich von einer früheren Arbeit kannte, reiste ich für einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Stuttgarts Partnerstadt St. Louis. Weil ich gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeite, fiel die Wahl auf dieses Projekt. In der internationalen Jugendzirkusschule in St. Louis war ich vor allem Jugendzirkuslehrer und auch Darsteller.

 

Tiefe Einblicke

Ich wollte die „Bedenkzeit“ nutzen, um mein Englisch zu verbessern und neue Eindrücke zu sammeln. Ich war 20, habe unter anderem über ein halbes Jahr in einer liberalen jüdischen Gastfamilie gelebt. Das war eine sehr neue Perspektive und ich bin dankbar für diese positive Erfahrung und Aufnahme in die Familie.

Das Austauschjahr hat mir einen tiefen Einblick in die teilweise sehr segregierte amerikanische Gesellschaft ermöglicht. St. Louis war noch vor 100 Jahren eine der reichsten und größten Städte der USA. Ein Handelsknotenpunkt, der aufgrund der zentralen Lage und Fortschrittlichkeit sogar als Hauptstadt im Gespräch war. Heute ist vom Glanz der Stadt der Mississippi-Dampfer nur noch wenig übrig geblieben und überall begegnet man Überbleibseln der Rassentrennung.

 

Oft der einzige Weiße

Ging ich freitagabends durch die Innenstadt, traf ich fast niemandem, noch viel seltener einen Menschen mit weißer Hautfarbe. Die meisten weißen Bürger sind seit Beginn der Civil-Rights-Bewegung in die Vororte gezogen. Nur knapp ein Drittel der ursprünglichen Bevölkerung, wie sie 1950 dort lebte, ist zurückgeblieben. Verlassene Häuserblocks und abgebrannte Ruinen sind das Resultat. Im Bus war ich häufig der einzige weiße Fahrgast. Wer Geld hat, kauft sich ein Auto und der öffentliche Nahverkehr ist ohne Übertreibung mangelhafter als in allen Entwicklungsländern, in denen ich bisher unterwegs war.

 

Unruhen und Krawalle

Man möchte wohl als Waldorfschüler denken, dass die Hautfarbe kein großes Thema mehr ist. Was die Diskriminierung angeht, mag sich Vieles verbessert haben, aber es war ein Vorort von St. Louis, wo 2014 ein weißer Polizist einen unbewaffneten afro-amerikanischen Teenager erschoss und heftige Krawalle in den ganzen USA auslöste.

 

Bunte, weltoffene Erlebnisse

Aber es gibt auch ein anderes St. Louis. Ich sang in einem fortschrittlichen und weltoffenen katholischen Chor. Vor dem Gottesdienst gab es Pizza und der Priester sprach offen mit seiner jungen Gemeinde über Suizid und Sex. Auf der Klarinette spielte ich in einer Synagoge Klezmermusik, in der die Rabbinerin in High Heels die Torah las. Ich lernte Studenten von einer der besten Universitäten nach Harvard und Yale kennen und wurde in einer jüdischen Gastfamilie willkommen geheißen, Holocaust-Überlebende, die mir ihr neues Auto für ein paar Tage anboten, obwohl ich erst zum 2. Mal zu Besuch bei ihnen war.

 

Erfolgreiche Zirkusarbeit

Ich arbeitete in einem erfolgreichen sozialen Zirkusprojekte mit. Circus Harmony hat sieben Tage die Woche offen. Viele Schüler trainieren dort sehr hart und touren heute mit dem Cirque du Soleil um die ganze Welt. Ich arbeitete auch mit Schülern der Waldorfschule St. Louis zusammen. Die Schule liegt wegen der billigen Immobilienpreise in einem afro-amerikanischen Viertel, deren Einwohner nicht viel mit Waldorfpädagogik anfangen können, was zuweilen zu Spannungen mit den »verrückten Leuten auf dem Hügel« führt.

 

Studienwahl erheblich leichter nach Austauschjahr

Mein Fazit nach dem einem Jahr: Ich lernte viele sehr hilfsbereite, großzügige Menschen kennen. Ich verbesserte mein Englisch und auch für meinen weiteren Weg war diese Erfahrung eine Hilfe. Da ich direkt neben einer der Top 10 Universitäten der USA wohnte, nutzte ich häufig das Angebot der offenen Vorlesungen. Ich besuchte Vorlesung in Psychologie, Recht, Soziale Arbeit, Mathematik, Architektur, Kunst, Geschichte, Soziologie. Durch die praktische Arbeit im Zirkus konnte ich mir viel eher einen Teilbereich der Sozialen Arbeit vorstellen. Das erleichterte mir die Studienwahl später erheblich.

 

Perspektivwechsel auch an der EHD

Nach meiner Rückkehr aus den USA begann ich ein Studium an der Evangelischen Hochschule Darmstadt (EHD). Ich hatte auch Zusagen für Studienplätze in der Soziologie, habe mich aber aus dem Bauchgefühl heraus für die Soziale Arbeit entschieden. Und auch hier an der EHD reizt mich der Perspektivwechsel, deshalb habe ich bereits an mehreren Austauschprogrammen mit Russland und Belarus teilgenommen. Nächste Jahr werde ich ein Praxissemester in Frankreich machen, voraussichtlich in einer Sozialberatung. Ich bin schon sehr gespannt darauf. Es wird eine weitere neue Erfahrung werden.“
 

Jan Elm engagiert sich seit vielen Jahren im Internationalen Jugendfreiwilligendienst IJGD und beantwortet gerne auch Fragen unter jan.elm@stud.eh-darmstadt.de. Weitere Infos unter https://www.ijgd.de/engagement-ehrenamt/aus-und-fortbildung/langzeit-ausbildung-lza.html

 

Du willst mehr lesen? Hier geht's zu zwei weiteren Berichten:

Teil 2: Nanny im Outback

Teil 3: Mitten im Nirgendwo


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Autor: Astrid Ludwig
Datum: 15.12.2017

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