Nachgefragt

Alles nach Plan

Lukas Thelen ist Autist und studiert am Mediencampus der Hochschule Darmstadt

Trotzdem?! Studieren
Trotzdem ?! erfolgreich sein
Unter diesem Titel stellen wir Menschen vor, die ihren Weg trotz vielleicht schlechterer Startbedingungen, Handicap, sprachlicher oder kultureller Unterschiede finden und auch die Menschen, die ihnen dabei helfen.

Was ihm seine Ärzte nie zugetraut hätten, ist für Lukas Thelen heute ganz selbstverständlich: Der Autist studiert an der Hochschule Darmstadt.

Autisten wird gerne nachgesagt, für sie breche eine
Welt zusammen, wenn einmal etwas nicht wie geplant funktioniert. Doch als an diesem Morgen Lukas Thelens Motorroller auf halbem Weg zum Heppenheimer Bahnhof plötzlich stehen bleibt, steigt er einfach ab – und schiebt. Der h_da-Student kommt an diesem Tag trotzdem nicht zu spät. Er kommt nie zu spät. Pünktlich zu sein, das ist für ihn eine unumstößliche Regel. Für Thelen sind solche Regeln wichtig, denn sie bieten Struktur und Sicherheit. Als in seiner Schulzeit einmal unerwarteterweise der Unterricht ausfiel, wartete Thelen vier Stunden lang vor dem leeren Klassenzimmer. Spontan organisatorische Entscheidungen zu treffen, ist nicht leicht für den 21 Jahre alten Studenten.

Der Weg, den Lukas Thelen zum Dieburger Mediencampus nimmt, ist längst eingespielt: Um 7.55 Uhr steigt er in den ersten Waggon der Regionalbahn nach Frankfurt. Eine Station später steigt sein Betreuer Florian Saum zu. Angekommen am Darmstädter Hauptbahnhof, muss es dann schnell gehen. Erwischen die beiden die Bahn Richtung Dieburg oder den  Bus? Angekommen auf dem Dieburger Mediencampus, steuern Thelen und Saum das Multimedia-Labor an. Rund 20 Studierende arbeiten hier an PCs, Laptops oder auch vereinzelt mit Stift und Papier. Sie umgibt ein mehrsprachiges Stimmengewirr – die künftigen Spiel- und Animationsentwickler lernen größtenteils in Englisch.

Über sein Studium spricht Lukas gern

Lukas Thelen brütet an seinem Rechner über einer 3D-Software. Ab und an auch gemeinsam mit den anderen Studierenden aus seiner vierköpfigen Arbeitsgruppe, mit der er sich vier Mal in der Woche trifft, um das gemeinsame Semesterprojekt voranzubringen. „Wir programmieren einen Samurai“, berichtet Thelen, „ich kümmere mich dabei um den künstlerischen Bereich“. Sein Blick wandert durch den Raum, während er spricht. Thelen wurde mit dreieinhalb Jahren die Diagnose ‚frühkindlicher Autismus‘ gestellt, was eine eher schlechte Prognose bedeutet. Aufgrund seiner sehr guten Entwicklung – er machte etwa ganz regulär sein Abitur – bezeichnen ihn die Ärzte heute als ‚hochfunktional‘.

Das ist keine formale Diagnose, beschreibt jedoch, dass
Thelen unter anderem die Fähigkeit entwickelt hat, komplizierte Sätze zu sprechen und grundlegende soziale und intellektuelle Fertigkeiten hat. Auch wenn Small Talk auf der Liste seiner Interessen wohl nicht an erster Stellt steht, über sein Studium spricht Lukas Thelen gern. Zeichnen und Malen, am liebsten von Fantasie- und Comic-Welten, sind schon lange seine größten Leidenschaften. „Ich könnte mir gut vorstellen, in diesem Bereich zu arbeiten.“ Schon im frühen Kindesalter verblüffte er seine Mutter, als er komplizierte dreidimensionale Gegenstände wie etwa Eisenbahnen aus Papier bastelte – ohne Vorlage und ohne Entwurf.

Er malt von oben nach unten

Ob Thelen Märchenschlösser mit Ölfarben auf Leinwand malt oder fremde Planetensysteme mit einer 3D-Software – die Tiefendimension haben viele seiner Werke gemeinsam. Ebenso eine ungewöhnliche Entstehungsweise: Besagtes Märchenschloss hat Lukas Thelen abschnittsweise von oben nach unten gemalt. Ähnlich wie ein Tintenstrahldrucker fügte Thelen täglich fünf Zentimeter hinzu, bis das 120 mal 100 Zentimeter große Bild nach 20 Tagen schließlich fertig war. Eine andere Zeichnung begann er in der Mitte und malte dann kreisförmig nach außen.

Seine künstlerische Begabung brachte Thelen schließlich auch an die h_da: In der zwölften Klasse bekam er mit Hilfe seiner Mutter ein Praktikum bei Pixomondo in Frankfurt, einem international aktiven Unternehmen, das sich auf visuelle Effekte spezialisiert hat. Hier konnte Thelen mehrere Animationen für den Kinofilm ‚Pettersson & Findus‘ beitragen – und bekam von den mit dem Mediencampus eng vernetzten Animations-Spezialistinnen und -Spezialisten den Tipp, sich an der h_da zu bewerben.

Er hat durchgehend gute Noten

Das erste Semester hat Thelen hinter sich gebracht – mit durchgehend guten Noten. Doch im Laufe des Studiums wachsen auch die Anforderungen an die Qualität der gemeinschaftlichen Projekte. Das verlangt viel Organisation und Kommunikation. Hier spielt Betreuer Florian Saum eine maßgebliche Rolle. Zum Beispiel während der Gruppenarbeit im Multimedia-Labor. „Wo ist Kerstin?“, fragt Lukas Thelen nach einer Kommilitonin aus seinem Team. „Die mit den langen Haaren“, hilft Florian Saum aus. Die Namen und Gesichter anderer Menschen zu erinnern, fällt ihm schwer.

Die letzten Stunden hat sich der Betreuer bewusst im Hintergrund gehalten. Jetzt, wo es wieder mehr um die Organisation geht, bringt sich Saum auf den aktuellen Stand: Welche Aufgaben hat Lukas für die Gruppe übernommen? Gibt es offene Fragen? „Schreibst du dir bitte auf, was du tun sollst?“, bittet Saum.

Ein Betreuer-Team ist an seiner Seite

Der 33 Jahre alte Mitarbeiter der Nieder-Ramstädter
Diakonie ist Teil eines dreiköpfigen Betreuer-Teams,
das dem Animation&Game-Studenten im zweiten
Semester abwechselnd zur Seite steht. Für den Notfall ist eine dritte Kollegin eingearbeitet. Auch sie kennt alle Abläufe und die Professorinnen und Professoren. „Ich bin Lukas‘ Arbeitsgedächtnis“, beschreibt der Betreuer seine Rolle. Damit keine Informationen verloren gehen, halten ihn die Arbeitsgruppe und die Professoren über WhatsApp auf dem Laufenden.

Diese Abläufe haben sich längst eingespielt: Die Professoren kennen Lukas Thelen und seine Betreuer,
und auch die anderen Bachelor-Studierenden haben
keinerlei Berührungsängste. „Die Zusammenarbeit mit Lukas ist ganz normal“, beschreibt es Andreas Zenglein aus Lukas‘ Arbeitsgruppe unaufgeregt. Dennoch sei vor der Einschreibung eine intensive Beratung notwendig gewesen, um die Herausforderungen des Studiums und Lukas Thelens Unterstützungsbedarf zu besprechen, sagt Professorin Katharina Kafka vom Fachbereich Media. Kafka hat gemeinsam mit Studiengangsleiter Prof. Tillmann Kohlhaase und Dekan Prof. Wilhelm Weber das Aufnahmeverfahren für Lukas Thelen begleitet. Der Beauftragte für Studierende und Studieninteressierte
mit Behinderung, Matthias Ihrig, war ebenfalls eingebunden.

„Der Studiengang Animation&Game setzt stark auf projektbasiertes Lernen und verlangt damit eine große Flexibilität und Selbstorganisation“, sagt Kafka. Zudem steige kurz vor Abgabeterminen der Semesterprojekte der Druck auf die Studierenden stark an. Dieses Anforderungsprofil hat sie Lukas Thelen und seiner Familie im Vorfeld in mehreren Gesprächen kommuniziert, „damit sie selbst entscheiden kann, ob dieses Studium das Richtige ist.“

Für alle eine große Bereicherung

Zusätzliche Sicherheit gaben mehrere individuelle
Schnupper-Termine. Heute ist längst klar: Thelen nimmt in bemerkenswerter Weise Hürde um Hürde – mündliche Kurzvorträge inklusive. Eine große Herausforderung für Autisten, von denen einige nie sprechen lernen. Manchmal ringe Thelen nach Worten, aber das gehe auch manch anderem Studierenden so, sagt Katharina Kafka. „Dass Lukas hier ist, ist für alle eine große Bereicherung und – für Lukas wie für die Hochschule – zugleich eine Herausforderung, die wir hoffentlich gemeinsam meistern werden.“ 

Sonderrechte im Studium braucht Thelen dabei kaum. Er durchlief das reguläre Aufnahmeverfahren des Studiengangs und auch die Regeln während des Studiums sind dieselben wie für die anderen. Einzig schriftliche Prüfungen schreibt der Student in einem gesonderten Raum und mit mehr Zeit. So kann er sich besser konzentrieren und gemeinsam mit seinen Betreuern die Aufgabenstellungen angehen. „Wir besprechen dann, was die Fragen bedeuten“, erklärt Florian Saum. Das Wissen kommt von Thelen, die Helfer unterstützen bei der Struktur. Solche Freiräume hätten Lukas Thelens Mutter und er in der Schule oft erkämpfen müssen, sagt Saum. „Das Schulsystem ist auf Einheit getrimmt“, beklagt der Pädagoge, der das erste Staatsexamen für das Lehramt an Grundschulen abgeschlossen und Thelen auch schon in der Oberstufe begleitet hat. Auch Mobbing von Mitschülern sei teils ein Thema gewesen. Jetzt habe Lukas die nötigen Freiräume und könne sich mit den Inhalten beschäftigen, die ihn
wirklich interessieren. Und auch menschlich fühlt
sich Lukas Thelen wohl an der h_da – wobei es hierfür
eigentlich gar nicht so viel braucht: Nicht ausgeschlossen
zu sein, genügt ihm schon. 


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Autor: Nico Damm
Datum: 10.11.2015

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