Nachgefragt

Studieren auch mit Handicap

Mathias Ihrig kümmert sich an der Hochschule Darmstadt um Studierende mit Beeinträchtigungen

Trotzdem?! studieren.
Trotzdem?! erfolgreich sein.
Unter diesem Titel stellen wir Menschen vor, die ihren Weg trotz schlechterer Startbedingungen, Handicap, sprachlicher oder kultureller Unterschiede finden und auch die Menschen, die ihnen dabei helfen.

 

Der Name klingt ein wenig sperrig. Mathias Ihrig ist „Beauftragter für Studierende und Studieninteressierte mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung“. Seit 2010 hat er dieses Amt an der Hochschule Darmstadt (h_da) inne.

Der 42-Jährige kümmert sich um Menschen an der Hochschule, die schlecht hören oder sehen können, die im Rollstuhl sitzen, eine körperliche oder psychische Erkrankung haben oder vielleicht eine Allergie, die sie  ausgerechnet in der Prüfungszeit daran hindert die Wohnung zu verlassen. Mathias Ihrig berät und hilft ganz individuell, so dass auch sie ihr Studium absolvieren können wie die übrigen rund 15 000 Studierenden an der h_da. Derzeit läuft auch eine Projektstelle unter dem Titel  „Studieren mit Behinderung“ - Annette-Eva Schmidt unterstützt Ihrig bei der Beratungsarbeit.
„Unsere Fälle sind extrem unterschiedlich“, berichtet der 42-Jährige. Einen großen Anteil haben psychische Beeinträchtigungen, sie machen rund 40 Prozent der insgesamt rund 40 bis 60 jährlichen Beratungsfälle aus. Ganz oft sind es Behinderungen oder Erkrankungen, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind. Das Bild vom Rollstuhlfahrer an der Hochschule, das so mancher vor Augen hat, gibt es auch, ist aber eher selten. Vielmehr sind es Studierende, die vielleicht durch häufige Arztbesuche oder Medikamente im Studium beeinträchtigt sind.

Nachteilsausgleich schaffen

Für sie gilt es einen Ausgleich zu schaffen – Nachteilsausgleich nennt sich das offiziell. Danach sind die Hochschulen verpflichtet, den Betroffenen beispielsweise bei Klausuren einen Zeitzuschlag zu gewähren oder auch technische Hilfen zur Verfügung zu stellen. Je nach Beeinträchtigung kann die Prüfung statt schriftlich auch mündlich abgenommen werden oder umgekehrt. „Ganz wichtig ist“, betont Mathias Ihrig, „dass ihnen nichts geschenkt wird, das wollen die Betroffenen auch gar nicht.“
Der 42-Jährige ist Ansprechpartner, wenn es darum geht, bauliche Barrieren aus dem Weg zu räumen, Kontakte zu vermitteln oder möglicherweise bei Konflikten mit Dozenten zur Seite zu stehen. Ihrig sieht sich dabei „ganz klar als Beauftragter für die Studierenden“. Auch bei Härtefall-Bewerbungen behinderter oder beeinträchtigter Bewerber oder Bewerberinnen für einen NC-Studiengang hilft er weiter. Rund 40 Anträge sind das meist im Wintersemester. Rund 5 Prozent der Plätze in einem NC-Studiengang sind für Menschen mit Beeinträchtigung reserviert. „Jeder Fall ist sehr individuell“, so seine jahrelange Erfahrung.

Betroffene sollen gerne bei uns studieren

Der gebürtige Kaiserslauterer hat früh gemerkt, dass diese Arbeit ihm liegt. Schon seinen Zivildienst hat er in der Behindertenarbeit geleistet, später Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Gesundheit und Rehabilitation an der Evangelischen Hochschule Darmstadt studiert. Seine erste Stelle trat er beim Jugendbildungswerk an, bevor es ihn 2007 an die Hochschule Darmstadt verschlug. Hier arbeitet er in der Studienberatung und eben als „Beauftragter für Studierende und Studieninteressierte mit Behinderung und chronischer Erkrankung“. „Man muss ein Gespür haben für die Alltäglichkeiten“, sagt er. Diese Alltäglichkeiten reichen von der Behindertentoilette bis hin zu Berührungsängsten.

Mathias Ihrig ist es wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen, die ganze Hochschule zu sensibilisieren - die Professoren, die Verwaltung und auch die Kommilitonen. „Alle müssen hingucken, wahrnehmen und sollen gerne offensiv sein. Es reicht nicht, zu sagen, das stört mich nicht. Ich muss notfalls auch aufstehen im Hörsaal und Platz machen, offen auf die Betroffenen zugehen.“ Er weiß, dass die Berührungsängste meist das größte Problem sind. Es gebe bereits sehr viele engagierte Dozenten und Studierende an der h_da. Bis zu einem ganz selbstverständlichen Umgang mit den Betroffenen sei es aber dennoch ein langer Weg. Ihrig will, dass sich die Betroffenen trauen und „dass sie es mögen, bei uns zu studieren“.


Infos und Kontakt unter www.h-da.de/behinderung; mathias.ihrig@h-da.de oder annette-eva.schmidt@ h-da.de und auf facebook: https://www.facebook.com/studierenmitbehinderung/



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Autor: Astrid Ludwig
Datum: 03.12.2015

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