Nachgefragt

Studieren ohne Grenzen

Die ertaubte Architektin Sabine Hopp sorgt für Barrierefreiheit an der TU Darmstadt

Trotzdem?! studieren.
Trotzdem?! erfolgreich sein.
Unter diesem Titel stellen wir Menschen vor, die ihren Weg trotz schlechterer Startbedingungen, Beeinträchtigungen, sprachlicher oder kultureller Unterschiede finden und auch die Menschen, die ihnen dabei helfen.

 

Seit frühester Kindheit ist Sabine Hopp taub. An der TU Darmstadt leitet sie das bundesweit einmalige „Projekt Handicap“ und räumt für Studierende und Mitarbeiter mit chronischen oder temporären Beeinträchtigungen Steine aus dem Weg. 


Wie folgt man einer Vorlesung, wenn man überhaupt nicht hören kann, was der Professor sagt? Wie lassen sich mündliche Prüfungsaufgaben beantworten, deren Fragen gar nicht erst die Stille durchdringen? Heute, im Zeitalter digitaler Technik, ist es kein Problem an Manuskripte, Inhalte oder Aufzeichnungen zu gelangen, doch in den 1990er Jahren, als Sabine Hopp Architektur an der TU Darmstadt studiert hat, war das durchaus anders. Wollte sie den Worten des Dozenten folgen, war sie auf ihre Kommilitonen angewiesen. „Meine Freunde haben für mich die Vorlesungen wortwörtlich mitgeschrieben“, erzählt sie. Ein sozialer Zusammenhalt und Vertrauensbeweis, der das weitere Leben prägte.

Sie musste sich durchbeißen

Sabine Hopp ertaubte, als sie drei Jahre alt war. Studium und Diplom hat sie dennoch mit Spaß und Bravour gemeistert. Sie hat sich „durchbeißen“ müssen, heute sorgt sie an der TU Darmstadt dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigung es leichter haben, dass sie auf ein Netzwerk an der Uni treffen und ihnen auch rein baulich keine Steine in den Weg gelegt werden. Die 46-Jährige leitet seit 2008 das Projekt Handicap, das den offiziellen Namen „Stabs- und Koordinierungsstelle Barierefreiheit an der TU Darmstadt“ trägt. Eine Arbeit, die sie durch ihre Erfahrungen während des eigenen Studiums angestoßen hat.
Das Projekt ist einmalig, bundesweit erhält sie Anfragen von Universitäten. Bisher gibt es an Hochschulen meist die Sozialberatung des Studentenwerkes und einen Schwerbehinderten-Beauftragten, der oder die für die Festangestellten in der Verwaltung zuständig ist. Sabine Hopp jedoch ist eine Ergänzung, eine Mittlerin zwischen Studierenden und Universität. „Ich weiß, wo anzusetzen ist, damit es besser läuft“, sagt sie. Die Architektin und Stadtplanerin hat drei Tutoren an ihrer Seite, die sie unterstützen. Derzeit kümmern sie sich um rund 96 Studierende und Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen. Hopp spricht bewusst nicht von Behinderungen. Zu ihr kommen Betroffene, die an chronischen oder auch nur zeitweisen Einschränkungen leiden –Blinde, Menschen mit Hörproblemen, Prothesen, Gehhilfen, Rollstuhlfahrer oder auch solche, die einen Unfall hatten, einen Gipsarm etwa, und in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Dazu zählen auch Studierende mit Kinderwagen, die Zugang zu allen Unibereichen haben sollen. Drei Mal die Woche bietet Hopp Sprechstunden an, viele melden sich jedoch per Mail, „weil sie ein bisschen Anonymität vorziehen“.

Sie liest von den Lippen ab

Sabine Hopp ist kaum anzumerken, dass sie taub ist. Sie liest von den Lippen ab, spricht deutlich und artikuliert. Als Kleinkind verlor sie ihr Gehör durch eine Viruserkrankung, lernte sprechen in einer Spezialschule in Mainz. Ihre Eltern sorgten dafür, dass sie eine Regelschule besuchen konnte, obwohl das Schulamt die Sonderschule präferierte. „Das schafft ihre Tochter nicht“, war ein viel gehörter Satz. Doch die Tochter schaffte es durchaus. Und zwar so gut, dass mancher Prof an der Uni ihr anfangs die Beeinträchtigung nicht glaubte. „Es gab damals viel Unsicherheit und Überforderung. Meist musste ich selbst für mich den besten Weg finden.“
Hopp und das Projekt Handicap übernehmen heute diese Aufgabe. Die Architektin war daran beteiligt, dass das Karo5, der Eingangsbereich der Uni, und das Audimax weitgehend barrierefrei sind. Es gibt taktile Leitsysteme in Treppenhäusern und auf ihrer Webseite finden sich Pläne, die den schwellenlosen Zugang zu allen Unigebäuden aufzeigen. Sie hat dafür gesorgt, dass Studierende und Besucher mit Hörproblemen sich beim Eintritt in die Bibliotheken einen Vibrationsalarm ausleihen können, der anzeigt, falls es brennt. Sukzessive werden alle Hörsäle mit Empfangsgeräten für Gehörlose ausgestattet. Hopp vermittelt Schriftdolmetscher, wenn Studierende mit Einschränkungen Hilfe bei Prüfungen brauchen.
Ihr Wissen und ihre Erfahrung gibt sie unterdessen als Gastprofessorin auch an der ETH Zürich weiter und als wissenschaftlicher Beirat für das hessische Projekt „Inklusive Hochschule“. Sabine Hopp hat Pionierarbeit geleistet.


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Autor: Astrid Ludwig
Datum: 05.11.2015

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