Twist. Ungewöhnliche Biografien

Kampfgeist schon als Kind

Fußball-Profi Steffi Jones berichtet von Höhenflügen und Tiefschlägen

Insgesamt 111 Mal war sie Fußball-Nationalspielerin, errang den Weltmeister- und den Europameistertitel. Bald soll sie die Nachfolge als Bundestrainerin der Frauen Nationalelf antreten. Steffi Jones ist eine der bekanntesten deutschen Fußballerinnen, doch der Ruhm fiel nicht einfach über Nacht vom Himmel und ihr Leben war bis dahin alles andere als leicht. Als sogenanntes Mischlingskind musste sich die Frankfurterin ihren Platz hart erkämpfen. Ihre Mutter und ihr Vater, ein Soldat der US-Army, ließen sich scheiden, als sie noch ein Kind war, im Irak-Krieg wurde ihr jüngerer Bruder Frank schwer verletzt, der Traum der Familie vom Hausbau platzte schmerzlich und in früheren Jahren fehlte Steffi Jones manchmal sogar das Geld für die Wohnungsmiete.

„Nach außen bin ich heute die offene, selbstbewusste Strahlefrau des deutschen Fußballs. Nicht viele bekommen jedoch einen wirklichen Einblick in mein Inneres. Schon sehr früh musste ich lernen, rassistische Diskriminierungen oder meine unerfüllten Sehnsüchte nach einer heilen Familie mit mir selbst auszumachen.“ So beschreibt sich Steffi Jones in ihrer 2007 erschienen Autobiografie „Der Kick des Lebens. Wie ich den Weg nach oben schaffte“. In ihrem Buch erzählt sie ganz offen von ihrer Jugend im Frankfurter Problemviertel Bonames, vom finanziell und sozial schwierigen Leben der Mutter, die ihre drei Kinder mit mehreren Jobs gleichzeitig durchbringen musste. In der Nachbarschaft wurde die Mutter als „Negerhure“ beschimpft und sie selbst als Negerlein. „Damals war es nicht weit her mit der Multikulti-Gesellschaft, auf die Frankfurt heute stolz ist. Alleinerziehende Mütter mit dunkelhäutigen Kindern hatten es dabei besonders schwer“, schreibt Jones.
Ihr älterer Bruder Christian rutscht in die Drogensucht und Kriminalität ablandet auf der Straße und vorrübergehend auch im Gefängnis.

Fast keinen Kontakt zum Vater

Steffi Jones Verhältnis zum Vater, der in die USA zurückkehrt und 2009 starb, bleibt wegen dessen Unzuverlässigkeit und Abwesenheit zeitlebens eine bittere Enttäuschung. 15 Jahre lang hat sie überhaupt keinen Kontakt zu ihm. Ihr geliebter Bruder Frank verliert beide Beine, als er als US-Soldat im Irakkrieg bei einem Einsatz mit seinem Wagen über eine Miene fährt. Er überlebt nur knapp. „Meine Familiengeschichte ist verworren und voller Tragödien. Von Anfang an“, schreibt Steffi Jones.
Sie selbst gibt ihrem Leben eine Wendung, weil sie schon als kleines Kind Kampfgeist und Selbstbewusstsein entwickelt – Eigenschaften, die ihre Mutter ihr mit auf den Weg gibt.

Steffi Jones macht eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau, arbeitet in einem Supermarkt. Doch die Entdeckung ihres Lebens ist der Fußball. Schon mit vier Jahren kickt sie den Ball, um ihrer Kindergartenliebe Rafael zu imponieren, erzählt sie augenzwinkernd. Für ihre Mutter ist die Vorliebe der Tochter eine mittlere Katastrophe – „ein ordentliches Mädchen spielt nicht Fußball“. Für Steffi dagegen ist die Jugendmannschaft des SV Bonames ihr zweites Zuhause. Sie spielt zusammen mit den Jungs - bis sie 13 ist, danach verlangen die damaligen Regeln des deutschen Fußballbundes die Trennung von Mädchen und Jungs im Fußball. Für Steffi bricht eine Welt zusammen, doch beim Mädchenteam der Sportgemeinschaft Praunheim findet sie bald eine neue Heimat. „Der Wunsch, in der deutschen Elite mitzuspielen, nahm hier konkrete Formen an“, berichtet sie später. In Frankfurt-Praunheim beginnt ihre Karriere als Ausnahme-Fußballerin in Deutschland und auch in der Frauen-Profi-Liga in den USA.

Das Fußballspiel gibt ihr Halt

Das Spiel gibt ihr auch Halt in Notlagen. „Fußball“, schreibt sie in ihrem Buch, „hat mir immer geholfen, mein ganzes Leben lang. Mit ihm habe ich viele der erlittenen Tiefschläge auffangen können“. Wie man seinem Leben trotz vieler Schicksalsschläge eine Wendung geben kann, davon erzählt Steffi Jones auch bei TWIST, der Abendveranstaltung der hobit.

 

 


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Autor: Astrid Ludwig
Datum: 06.01.2016

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